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„Tritt auf. Steh da. Bedeute.“

Etwas Unechtes gegen das Echte der Texte: Christiane Heidrich tritt in „Welcome“ als Sci-Fi-Barbie auf, aus dem Off klingen robotisch verzerrt ihre Gedichte. Abgekoppelt vom Körper hantiert sie nur noch mit ihren Texten, in Form von Bluetooth-Lautsprechern in ihren Händen, die sie ebenso robotisch durch ein von Leuchtstoff-Röhren abgestecktes Viereck bewegt. Wer steuert hier wen? Das Gedicht den Körper? Der Körper das Gedicht? Das bereits Gesprochene im Gefüge mit dem Körper, die Stimme verteilt auf Geräte als Performance. Auf der Bühne bleibt indes nur ein Gefühl zurück – von Distanz, Leere, Stille und Entfremdung, wie die Orte, die Schauplätze von Christiane Heidrichs Lyrik sind: Turnhallen, Tankstellen und Hotels. Es hat etwas kühles, diese Performance und lotet aus, wie ein Text mit und getrennt vom Körper funktionieren kann. Welche Objekte sind notwendig? Und wie fügen sich diese in einen Monolog ein, der eigentlich keiner mehr ist?

„Du wirst okay sein, nur nicht so wie du denkst.“

In „Männlichkeit und Traurigkeit und Kitesurfen“ dissoziiert sich Max Wallenhorst durch verschiedene Stadien der Erkenntnis: Wie kann er, als weißer Cis-Mann, sich von den Strukturen toxischer Männlichkeit lösen? Mit Gesang, Karaoke und einem tiefgreifenden Verständnis von Selbstfürsorge nähert er sich dieser Frage an und leistet dabei nicht nur emotionale Arbeit für sich selbst, sondern auch das Publikum. Zwischen Pop, Gefühl und Vaterfigur lotet Max Wallenhorst die Grenzen der eigenen Verletzlichkeit aus. Seinen Privilegien ist er sich bewusst („Mein Körper verwechselt das Betreten der Bühne mit der Besetzung der Bühne.“), dem Druck, der damit einhergeht fühlt er nach („Du bist nicht bedroht und du bist nicht in der Krise. Krise ist das Genre.“) und formuliert einen Brief an M. – sich selbst und alle anderen Männer im Publikum. „Die längste Zeit dachte ich, Traurigkeiteist das offenste Gefühl, das ich kann.“ heißt es da, ein Text voll von wichtigen Sätzen an ein früheres Selbst. „Männlichkeit und Traurigkeit und Kite-Surfen“ ist tieftraurig, sehr ehrlich und an manchen Stellen harte Arbeit. Weil das eben so ist, wenn man anfängt über Gefühle und Strukturen zu sprechen.

„Ich dachte, dass ‚einen Brief aufgeben‘ heißen würde, vor ihm zu resignieren.“

In „Und wir werden uns das halbierte Auge zerstört haben am Grund der Bilder“ erzählen Senthuran Varatharajah, Trang Tran Thu und Hieu Hoang die Geschichte zweier Familien auf der Flucht vor dem Krieg aus ihrem Heimatland und ihrem Ankommen in Deutschland. Die Protagonist*innen sind sich vielleicht noch nie begegnet, ihre Geschichten aber berühren sich. Von der Flucht über die Zeit im Asylbewerberheim, der Sozialwohnung und der Annäherung an ein fremdes Land erzählen bedrückende Erinnerungen in schnörkelloser Sprache. Einer Sprache, die erst durch den Tod, als Ereignis in Form von Krieg und Völkermord, für sie Bedingung und Wirklichkeit geworden ist. Ohne den Tod wären sie nicht in Deutschland, ohne ihn würden sie nicht Deutsch sprechen. Ob er auch aus ihnen herausspricht ist die essentielle Fragestellung dieses Stückes. Varatharajah, Tran Thu und Hoang lassen ihre Protgonist*innen sprechen: Über klar sichtbare Bluetooth-Lautsprecher, über sich selbst. Ein Stück, das geprägt ist von Gewalt und Einsamkeit, vom Nachdenken über Sprache und Fremdheit, das das Publikum nachdenklich zurücklässt.

„Dass ich Platz mache für die Stimmen von Wasser.“

Marina Abramović erklärt wie man Wasser trinkt und Rike Scheffler probiert es aus. Mit einer Loop-Station an der einen und einem Glas Wasser in der anderen Hand gibt Scheffler den Stimmen des Wassers Raum, macht Platz für das Dröhnen und Pfeifen und Plätschern. Musik mit einem Wasserglas machen funktioniert dabei genau so, wie die eigene Stimme, die mal singt, mal gluckert, mal spricht. An ihrem Soundpult loopt sie die verschiedenen Klänge dabei bis zu einem fast göttlich anmutendem Ton. Auch so kann das Wasser klingen. Rike Scheffler macht den ganzen Kreislauf hörbar: Das Wasser als essentielles Ding, als Mysterium, als politisches Schlachtfeld, als Stellvertreter für alles, was fluid ist, als Symbol für Leben, Vergänglichkeit, Trasnformation und Spiritualität. Welche Geschichte ist zu hören, wenn wir zurücktreten und dem Wasser Platz machen? Ein Experiment, das man – hat man es einmal erfahren – nicht missen möchte.