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„In meinem Kopf aber da ist etwas, da sitzt das Moor gleich hinter den Augen.“

Tabea Xenia Magyar hat in einem der vorangegangenen Interviews, auf die Frage, was sie ihrem Publikum gerne mitgeben würde, geantwortet, es wäre hilfreich, sich von der Idee zu lösen, dass man etwas verstehen müsse. Und tatsächlich ist es einfacher sich ihrem Stück „Oh Boy“ auf emotionaler Ebene zu nähern. Klar ist: Es geht um Depressionen. Tabea Xenia Magyar inszeniert sich mit Pop und Glamour, mit Glanz und Perücke und schafft damit eine energiegeladene Distanz, hinter der die Zerbrechlichkeit immer wieder angedeutet wird. Zum Beispiel in ihrem aus dem Off gesprochenen Text, der die Erkrankung als Moor hinter den Augen, als Loch am Ende der Wirbelsäule beschreibt. Von dem schwermütigen Text aus dem Off zur aufgeladenen Lyp-Sync zu Petula Clarks „Downtown“ mit gefaktem Million-Dollar-Smile, endet Magyar mit einer wissenschaftlichen Beschreibung über Depressionen, die sie plakativ aus einem Buch über eben diese liest, während sie sich gegenüber ihres Publikums fast komplett nackt macht. Magyar nähert sich dem geladenen Thema auf ebenso geladene Weise und baut sich ein Schutzschild, das jedem Depressiven bekannt sein sollte. Wer dahinterschaut erkennt Schmerz, Verletzlichkeit und das Moor hinter den Augen.

„Falls ich mich daneben benehme: ich tue es mit voller Absicht.“

Mara Genschel ist nicht gekommen, um sich nicht daneben zu benehmen. An der Lust des Publikums ist sie nicht interessiert. Daran ihren Text komplett auswendig vortragen zu können, auch nicht. Deshalb bekommt jeder Zuschauer vorweg ein Hilfsheft an die Hand, das den Text beinhaltet. In „Übungen aus einem anderen Jahrtausend“ wagt Mara Genschel ein Experiment: Wer springt ein, wenn sie den Text nicht mehr weiß? Ihr Text, der von Wiederholungen und Ironie lebt und sich immer wieder klar in einer Anti-Haltung dem Publikum gegenüber positioniert, ist mal Shakespeare, mal Schlegel und mal Mara Genschel aka Petra Quince, eine Figur, die sie sich eigens für das Stück aus dem Sommernachtstraum ausgeliehen hat. In unregelmäßigen Abständen klingelt die Eieruhr – dann springt Genschel aka Quince zum nächsten Abschnitt. Das Publikum braucht ein bisschen um warm zu werden und zu verstehen: Es muss sich ebenso wenig benehmen, wird es doch von Quince erst zu Wählerinnen und Wählern, dann zum Volk, zu Untertanen gemacht. Und auch die Textkenntnisse schwinden immer mehr. Wer die Stille und das Stottern nicht erträgt, ruft den Text einfach rein. Damit gibt Mara Genschel aka Quince nicht nur die Kontrolle ab, sie bringt das Publikum auch zur Interaktion. Ein vorbereiteter Fail also, aus dem der aufmerksame Zuschauer vielleicht etwas ziehen kann, sofern das möglich ist.

„Diesen Herbst ist das Gras wieder so knautschgrün, dass wir uns unbedingt zwei große Teller Suppe davon machen müssen.“

Dass die Geschichten, die Michael Fehr erzählt, im richtigen Licht erscheinen, das war ihm wichtig. Und mit Licht war auch immer nur Licht gemeint – mehr braucht er nicht auf der Bühne, nur sich selbst, in synästhetische Farben getaucht. Fehrs immer am Rand des Absurden und häufig düster anmutenden Geschichten erzählt er frei heraus: Vom Mann in „Leuchtende Gesichter“, der das Licht seines Mobiltelefons benutzt, um sich im Dunkeln zurecht zu finden, bis er auf welche trifft, deren Gesichter leuchten. Vom Geschäftsmann „Potremtlek Langtang“, der plötzlich verstirbt und seine drei Rassewachhunde, die daraufhin sein Geschäft übernehmen, in der Hoffnung, dass sie nie ans Telefon gehen müssen. Die vier befreundeten Ehepaare in „Ums Haus herum ist still“, deren Söhne am Ende im Keller landen. Oder die „Grassuppe“, die nur mit genug Reibkäse schmeckt und aus dem Gras von der Wiese gemacht ist, das knautschgrüner nicht sein könnte. Michael Fehrs Geschichten bestechen mit ihrer klugen Einfachheit und Fehrs Auftritt, der von einer Präsenz geprägt, die ihresgleichen sucht.

„Was ich sage und wie ich es sage ist sehr profan.“

Martina Hefter besucht ihre Schwermutter regelmäßig im Pflegeheim. „Schwermutter“, weil sie das „Schwiegermutter“ immer ein bisschen schleift und dann klingt es wie „schwer“ und deshalb heißt die Schwiegermutter jetzt Schwermutter. Darüber hat sie nicht nur ein Buch geschrieben, sondern auch ein Stück mit demselben Titel gemacht. In „Es könnte auch schön werden“ nimmt sie die Zuschauer mit ins Pflegeheim und seinen Teufeln. Weil sich die Schwermutter einen Krankenhauskeim eingefangen hat, muss Hefter Schutzkleidung tragen tragen. Auf der Bühne übersetzt sie OP-Kittel und Luther-Mütze in ein folkloristisch anmutendes Kostüm und den Alltag im Pflegeheim in Gesten und Bewegungen. „Es könnte auch schön werden“ ist kein Tanzstück, trotzem werden Elemente aus dem Tanz immer wieder angedeutet. Zum Beispiel wenn die Schwermutter anfängt zu diskutieren. Sie möge bitte die Klingel haben. Und ob ihr nicht endlich jemand die Windeln wechseln könnte. Und das Brot im Mund, das so piekst. Und trinken darf sie auch nicht. Und warum guckt Hefter eigentlich die ganze Zeit zum Fernseher. Und wann kommt endlich ein Pfleger. Bis Hefter der Geduldsfaden reißt. Dann kommen die Teufel und machen es sich auf dem Porzellan-Service bequem. Die Teufel, das könnte alles sein: Die Krankheit, das Alter, das System. Vom Kampf mit ihnen erzählt dieses Stück. Davon, das alles irgendwie gehen muss. Und gerade weil das, was Hefter zu sagen hat, so profan klingt, wird es für das Publikum greifbarer. Und schmerzlicher.