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„Im Symbolbuch bin ich kaum zu finden“

Da spricht eine einen Monolog und es ist nicht ganz klar: Spricht da ein Mensch oder eine Pflanze? Mit dem Pflanz- und dem Nicht-Pflanz-Sein setzt sich Sonja vom Brocke in ihrem Stück „Wenn ich die Nieswurz bin, wer ist der Pflücker?“ auseinander und thematisiert dabei gleichzeitig die eigene Körperlichkeit. Ein Mensch, der gerne eine Nieswurz wäre oder die Nieswurz, die eben diese ist? Einige Dinge haben beide gemeinsam: Sie schlucken das Sonnenlicht, aber nicht die Sonne. Sonja vom Brocke selbst verwurzelt sich auf der Bühne: Auf der Erde, mit ihrer lyrischen Sprache, dem Klang der Blumennamen und der Verbindung zur griechischen Mythologie. Das Chlorophyl, das dabei entsteht klebt sie sich als grünen Klebestreifen auf die Kleidung. Ist sie nun in ihrer vollendeten Form als Pflanze angekommen? Die Videoinstallation im Hintergrund jedenfalls ist auf der Suche. Über die Dauer der Performance wird der Zuschauer durch einen botanischen Garten geführt, der beinahe paradiesisch anmutet. Dabei bekommt er Diesteln, Waldmeister, die Vegetation der südlichen Kalkalpen und manchmal auch den Schatten der Filmenden selbst zu Gesicht, die Nieswurz aber lässt auf sich warten. Auf der Bühne hingegen nimmt die Verwandlung weiter ihren Lauf. Wer wird sie pflücken, wenn sie gefunden ist?

„Dieses Gedicht muss auf lyrikline.org!“

Platon veröffentlichte seinerzeit eine Schriftkritik, die sagt: Die Schrift ist ein totes, äußerliches Ding, vollkommen unlebendig. Sie steht im Gegensatz zur Lebendigkeit der Stimme. In der Schrift ist der Geist nicht präsent, in der Rede dagegen schon. Derrida dekonstruierte später diese Unterscheidung: Das, was der Mensch die Stimme nennt, ist immer schon Schrift, ist immer schon unlebendig. Das technische Äquivalent dieser dekonstruierten Bewegung: Das Soundfile. Es wird zum Text und damit lebendig, wie beispielsweise auf lyrikline.org. Analogien dieser Therme sind zum Beispiel der Same als Analogie für die Schrift und die Samenbank als Analogie für das Soundfile – die Möglichkeit (genetisches) Material außerhalb des Körpers zu speichern.
In „Svalbard Paem“ geht Daniel Falb den Formen der Verschiebung und Disartikulation zwischen Stimme und Schrift, Same und Organismus, Potenzial und Akt auf den Grund. Über Saatguttresore und Samenbänke, schwimmende Schildkröten und frühste Stimmaufzeichnungen, bis hin zu einer bedeutenden ethnografischen Sammlung lyrischen Sprechens, lyrikline.org, entwirft Daniel Falb ein komplexes Bild von Schrift und Sprache und hält fest: „Dieses Gedicht muss auf lyrikline.org – sonst muss ich es andauernd sprechen.“

„Ein Meer von Schwalbenmilch für“

Wie kann Vielstimmigkeit imitiert werden, wenn man alleine ist? Enis Maci versucht es. In Anlehnung an die Chorform der Iso-Polyphonie, einen folkloristischen Gesangsstil, den sie zum ersten Mal als Kind von ihrem Großvater hörte, der versuchte die Lieder seiner Kindheit alleine zu singen – „eine sentimentale Sysiphosaufgabe.“, wie Maci heute sagt – besingt sie die Lebenden und die Toten. „Ein Meer von Schwalbenmilch“ für die Zikaden, die Zypressen, den Sohn des Nachbarn, das Barmädchen und Natascha Kampusch. Dabei arbeitet sie mit verschiedenen Versatzstücken, Text und Soundfiles und öffnet so gleich mehrere Ebenen, fast wie es in einem Chor der Fall ist. Denn auch in der Iso-Polyphonie, die häufig in Balladen oder Klageliedern ihren Ausdruck findet, ist zwar ein bedeutendes Merkmal die Mehrstimmigkeit, die Stimmen aber werden eigenständig geführt. Und so bekommt der Zuhörer bei „Schwalbenmilch“ die verschiedensten Stimmen an die Hand, Antworten und Fragen auf das, was Enis Maci vorträgt. Dazwischen: Immer wieder Macis eigens aufgenommenen Klagegesänge. Da wird besungen was vermeintlich einfach zu besingen ist und das nicht ausgelassen, was schmerzt. Ein Stück, keineswegs sentimental, das Lyrik und Chor miteinander verbindet, ohne dabei mehr als eine Person auf der Bühne zu brauchen und das gleichzeitig ein Lied am Leben hält, das im Internet nirgends zu finden ist und das nur die kennen, denen es überliefert wurde.

Zum Interview mit Enis Maci.

„Ich konnte die Sonne ja kommen sehen.“

In „kommen sehen. Das Loblied singen“ wagt Anja Utler den Rückblick aus einer zukünftigen postapokalyptischen Gesellschaft auf das Hier und Vielleicht. Wie spricht man über eine Zukunft, die noch nicht stattgefunden hat? In ihrem Stück, das zwischen Erzählung, Drama und Lyrik „flattert“ teilt eine alte Frau die Ereignisse einer ökologischen Katastrophe mit ihrer Familie, sie besingt und erzählt. Dabei ist ihre Überlieferung vielleicht auch etwas wie eine lebenserhaltende Maßnahme und gleichzeitig eine Herausforderung für die Familie, in der die ökologische Katastrophe auch soziale Auswirkungen hat. Anja Utler lotet in ihrer poetischen Rede auf lyrische Weise die verschiedenen Spannungen aus, die sich aus Rückblick aus der Zukunft, Gegenwart, Katastrophe und Familie ergeben. Dafür braucht sie nicht mehr als sich selbst und einen Stuhl, der ihr als Musikinstrument dient. Wie kann das Unvorstellbare in Worte gefasst werden? Von kollabierendem Gras über die Sonne, die sich zu verdreifachen scheint, bis hin zu kosmischer Trisomie: Natur- und Körperbeschreibungen verschmelzen mit der Reaktion der Stimme. Nicht zuletzt setzt Anja Utler sich mit dem Phänomen der Überlieferung auseinander. Was kann von einem Ereigniss überliefert werden? Und was davon ist für die Zuhörenden überhaupt hörbar?

Zum Interview mit Anja Utler.