„Ich habe Anhaltspunkte gefunden, keine Antworten.“

Enis Maci über ihr Stück „Schwalbenmilch“

Wie bist du zu deinem Stück gekommen? Wie ist es entstanden?

Ich wollte schon lange zur Iso-Polyphonie arbeiten, einer Chorform, die immer auch episch ist, die als Ballade, Klagelied, Hymne daherkommt. Als Kind habe ich meinem Großvater dabei zugehört, wie er versuchte, diese Lieder seiner Kindheit allein zu singen, was eigentlich gar nicht möglich ist – eine sentimentale Sisyphosaufgabe. Daran habe viel gedacht; an die Frage, ob es überhaupt möglich ist, sich mit einem einzelnen Körper auf die Suche nach dem Kern der Sache, die eine vielstimmige ist, zu machen. Anfangs wollte ich live mit einer Loopmaschine arbeiten, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das nur ein Nachahmen wäre, ein zum Scheitern verursachter Versuch, Vielstimmigkeit zu faken. Stattdessen will ich fragen: Um was für Hymnen, was für Klagelieder kann es hier überhaupt gehen, wen oder was gilt es hier zu beklagen und was ist das Tröstliche an diesem Bordun? Ich habe Anhaltspunkte gefunden, keine Antworten.

Und wen oder was beklagst du? Die Lebenden und die Toten?

Ja. Sie alle.

Du hast es schon ein bisschen angedeutet, aber was war für dich die größte Herausforderung bei deinem Projekt?

Sich der Frage zu stellen, was der Kern der Form ist, wenn man die Form nicht einfach nur imitieren will.

War das auch das Spannendste für dich?

Ja. Und das Singen und Aufnehmen.