Anja Utler: „Ich befinde mich an einem eher optimistischen Punkt.“

In Vorbereitung auf KOOK.MONO habe ich allen 12 Autor*innen dieselben vier Fragen gestellt. Das sind Anja Utlers Antworten:

1. Wie kommst Du mit den Proben voran? An welchem Punkt des Probenprozesses stehst Du gerade?

An dem Punkt, wo Körper und Text langsam zueinander finden. Wo der Text beginnt, an der Stimme lebendig zu werden, und die Stimme am Text. Die Stimme verabschiedet sich dabei von den Hörmustern im Kopf, das Gesagte fängt an, die Sichtbarkeiten der Schrift eher zu umspielen als sie zu reproduzieren. Das ist ein freundlicher, weicher, hoffnungsvoller Prozess. Ich befinde mich also an einem eher optimistischen Punkt. An dem für mich auch immer zum ersten Mal denkbar wird, dass sich ‚das Ding‘ wirklich wird aufführen lassen.

2. Welche Chancen siehst Du im performativen Format im Bezug auf Deine eigene künstlerische Arbeit?

Für mich ist der performative Aspekt des Dichtens wohl eher eine Tatsache als eine Chance. Jeder Text ist auch hörbares Ereignis. Mehr noch, ich bin der Ansicht, dass Sprechen dadurch poetisch wird, dass es das Performative akzentuiert – indem es präsentisch wird, seine Bedeutungen allmählich, unwillkürlich und spekulativ entfaltet und sie ohne aktive Beteiligung der Zuhörer_innen nicht zustande kommen lässt. Arbeit am Poetischen, wie ich sie verstehe, ist deshalb immer auch Arbeit am Performativen in der Sprache.

Dafür sehe ich KOOK.MONO als sehr feine Chance. Als die Einladung kam, war mir recht schnell klar, was ich dort zeigen will und auch wie, und auch, dass das ein ziemliches Glück für mich und meinen Text werden könnte. Ich hätte nämlich ohne dieses Festival den vergleichsweise großen Aufwand – diesem Text in seine für mich beste, aber auch riskante Bühnenform hinein zu helfen – vielleicht gar nicht betrieben.

3. Welchen Stellenwert hat das Sprechen in Deinem Stück? Und welchen die Schrift und das Szenische? Gibt es einen Schwerpunkt?

Mein Stück ist ein Monolog, der Schwerpunkt liegt ganz dezidiert auf dem Sprechen. Dieses Sprechen basiert aber auf einem schriftlichen Text, es wird keine Rede auf der Bühne erst entwickelt. Allerdings ist diese Schrift bereits über das Ohr geschrieben. Und trotzdem löst sich das tatsächliche Sprechen dann von dieser schon gehörten Schrift nochmal ab. Und Schrift wie Gesagtes umfassen ganz Unterschiedliches – Erzählendes, Poetisches, Dialogisches, Referiertes, das trägt sich dann in der einen Stimme aus, schießt durch den einen Körper mit seinen Richtungen und Spannungszuständen. Wie im alltäglichen Sprechen auch. 

4. Was würdest Du Deinem Publikum gerne mitgeben?

Ich habe versucht, mich gegen dieses innere Bild zu wehren – leider vergebens: Bei ‚mitgeben‘ sehe ich eine Schar Tanten (wie ich sie nie hatte), die mir von einem überüppigen Geburtstagskuchenbüffet noch einen Berg auf einen Teller schichten, Alufolie drüber, in die Hand gedrückt und ab nach Hause. Widerstand zwecklos. Hm.

Ich frage mich, was haben dann die Dichter_innen und Künstler_innen gemacht, von denen ich zwar etwas mitgenommen habe, deren Handlungen ich aber offensichtlich nicht unter ‚mitgeben‘ verbuchen kann? Ich vermute, die haben weniger ein Bündel gepackt als eines aufgeschnürt. Das, was im Alltag säuberlich verpackt und weggesteckt ist, auseinander gezupft, die Dinge gewendet, geschaut, was sich unter ihnen verbirgt, und wie sie sich zueinander verhalten. Das hergezeigt. Worin eine Unruhe steckt, was nicht stillhalten kann. Weshalb es auch in andere Körper schlüpfen kann, und wenn es – subjektiv – die richtige Balance von ‚fremd‘ und ‚bekannt‘ mitbringt, wird es sich verhaken, weiterzappeln, am Vorgefundenen zerren, es verbiegen, in Auseinandersetzungen verwickeln. Wann immer mir so etwas passiert ist, fand ich das gut. So sehr, dass ich immer wieder danach suche.