„Postapokalyptisch, damit kenne ich mich aus, weil ich in der Postapokalypse aufgewachsen bin.“

Anja Utler über ihr Stück „kommen sehen. Das Loblied singen“

Wie kam es zu deinem Stück? Wie ist es entstanden?

Mich beschäftigt schon länger das Thema Überlieferung – was weitergegeben wird von Generation zu Generation. Dabei interessiert mich besonders das Verhältnis von Großelterngeneration zu Enkelgeneration, weil es schon in der Literatur das Verhältnis ist, wo das Wissen immer weitergegeben wird. Immer über diese Zwischengeneration hinweg, was ich ganz spannend finde. 2009 habe ich ein Buch über eine scheiternde Überlieferung geschrieben, die tatsächlich mit meiner biographischen Situation zu tun hat – die scheiternde Überlieferung von meiner Großmutter zu mir. Was mich damals beschäftigt hat war die Frage, die viele beschäftigt: Was weiß ich eigentlich davon, was meine Großeltern im Nationalsozialismus gemacht haben? Aber eigentlich weniger die Frage was sie gemacht haben, sondern was das für einen emotionalen Einfluss auf sie hatte, was sie für eine Haltung hatten, was es für sie bedeutet hat, dass sie Angehörige einer Generation waren, die etwas getan hat – wie auch immer sie daran beteiligt waren – was unvorstellbar ist. Das war etwas sehr persönliches, weil ich es immer als sehr belastend empfunden habe das nicht zu wissen und damit auch nicht zu wissen, was das eigentlich für Menschen sind, die ich ja geliebt habe und die sich in guter Art und Weise um mich gekümmert haben. Das war mir immer wie ein schwarzes Loch. Ich hab dann damals sehr viel mit der Stimme gearbeitet und jetzt, nach fast 10 Jahren, habe ich mir sozusagen dieses Thema nochmal vorgelegt und die Frage der Überlieferung in die Zukunft transferiert. Ich lasse jetzt eine Großmutter aus einer zukünftigen, postapokalyptischen Gesellschaft sprechen. Postapokalyptisch, habe ich den Eindruck, damit kenne ich mich aus, weil ich in der Postapokalypse aufgewachsen bin. Im Stück zeichnet sich dann ab, dass es eine ökologische Katastrophe gegeben hat und mir ist es wichtig zu zeigen, wie die ökologische Katastrophe immer auch eine soziale Katastrophe ist. In diesem Fall spricht die Großmutter – bei mir zu Hause wurde nicht gesprochen – und ich frage mich, was dann überliefert wird, was überhaupt hörbar ist und worüber man sprechen kann. Besonders beschäftigt mich die Frage, wie weit das lyrische Sprechen Überlieferung sein kann, denn das kann es offensichtlich – wir haben Sachen, die sind tausende von Jahren alt und funktionieren immer noch, aber kann das lyrische Sprechen auch Fakten transportieren? Diese Spannung interessiert mich.

Was war die größte Herausforderung an dem Text als solchem?

Das kann ich glaub ich noch nicht sagen, weil der Text momentan noch im Entstehen ist. Als die Einladung kam wusste ich sofort, dass KOOK.MONO der Ort ist, an dem ich dieses Stück machen will, an dem ich es auch machen kann, weil ich das Gefühl hatte – und da kommen wir zu der Frage, was die Herausforderung an der Aufführung ist – hier kann ich den Text auswendig machen. Das hat mich schon länger umgetrieben, aber ich hatte nie ein Stück bei dem das ein Thema gewesen wäre. Diesmal ist es adäquat, da denk ich mir: Da muss jemand auf dem Schemel sitzen und sprechen und sprechen und sprechen und da kann ich dieses Papier, das ich sonst zwischen mir und dem Publikum habe und das ich eigentlich als Mittel auch sehr schätze, nicht brauchen.
Als damals die Einladung kam war für mich ganz schnell klar, dass ich das machen will, ich hatte aber total Angst, dass ich den Text nicht schnell genug fertig schreiben kann. Also habe ich mir lange Hintertürchen offen gehalten, einen Plan B, bis dann irgendwann klar war, dass es wirklich geht, dass ich das an den Punkt bringen kann, an dem es auch ein aufführbarer Teil ist. Das ist ja immer nochmal die Frage: Natürlich kann ich 25 Seiten schreiben, aber dann gibt’s vielleicht als aufführbaren Teil keinen Sinn, weil es irgendwie an der Stelle, wo es aufhört, woanders hinläuft. Das hat dann aber geklappt.

Du machst in deinem Stück Sounds mit deinem Stuhl. Wie bist du dazu gekommen?

In dem Text sind ein paar Soundwörter wie in einem Comic und es war mir wichtig das rüberzubringen – dieses Geräusch, dass etwas von außen an den Körper klopft und von ihm Besitz ergreift. Beim Proben hab ich erst an den Stuhl geklopft und dann schnell gemerkt, dass das keinen Sinn macht, wenn ich nur ein Headset trage, das hört kein Mensch. Dann hab ich gedacht, dass ich mit dem Headset selbst spiele und so ein Klopfen mit den Knöcheln mache – was auch ganz gut klingt, wenn man es verstärkt – aber es war mir letztendlich als Unterbrechung bei der Aufführung zu groß. Ich habe ja diese Situation, wo die Großmutter auf dem Stuhl sitzt und spricht und wenn ich dann plötzlich anfange solche Gesten zu machen, denen man ansieht, dass ich sie tatsächlich nur für den Sound mache, dann bekommt es ein zu großes Gewicht, weil man es nicht nur hört, sondern auch sieht. Und jetzt probieren wir es mit einem Mikro am Stuhl. Dass ist ja auch das Schöne, dass man solche Sachen einfach mal ausprobieren kann, selbst wenn man denkt, dass man sich nicht ganz hundertprozentig sicher ist.